Die Schweiz pflegt auch Feste, die nicht in den üblichen Kalender passen. Es sind Übergangsfeste – Feste an der Schnittstelle von Jahreszeiten, Kulturen und Welten. Sie sind selten, aber besonders wertvoll, denn sie spiegeln die Seele der Nation wider. Ein solches Fest ist das Sechseläuten in Zürich (am dritten Montag im April). Dieses „Sechs-Uhr-Fest“ geht auf den Brauch im Mittelalter zurück, dass Handwerker um 18:00 Uhr Feierabend machten (was den Frühlingsbeginn symbolisierte). Heute verbrennen die Zürcher auf dem Marktplatz den „Böögg“, eine Strohfigur des Winters. Wenn der Kopf schnell explodiert, wird der Sommer heiß. In Unterwalden (Kanton Obwalden) findet im Februar der „Winterlauf“ statt – Kinder rennen mit Fackeln und Glöckchen durch die Straßen und rufen: „Winter, heym!“ („Winter, komm nach Hause!“). Dies ist ein heidnisches Ritual, das den Frühling herbeiführen soll. Im Engadin (Graubünden) wird im März Chalandamarz gefeiert, ein Tag, an dem Kinder mit Glocken den Winter erwecken. Dieser Feiertag ist von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Jede Glocke ist handgefertigt, und ihr Klang gilt als Glücksbringer.
Feste
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Der Winter in der Schweiz ist keine Zeit des Schlafes, sondern eine Zeit des Lichts, der Wärme und des Staunens. Wenn die Tage kurz und die Nächte lang sind, feiern die Schweizer, um die Dunkelheit zu erhellen. Hier ist jedes Licht ein Symbol der Hoffnung, jede Glocke eine Erinnerung an Wärme. Das wichtigste Winterfest ist Weihnachten. Im Dezember findet in fast jeder Stadt ein Weihnachtsmarkt statt: in Zürich auf dem Sechseläutenplatz, in Basel der älteste des Landes (seit 1856) und in Luzern, mit Blick auf die Kapellbrücke, festlich beleuchtet. Weihnachtsmärkte bieten mehr als nur Souvenirs; sie bieten auch eine besondere Atmosphäre: heißen Glühwein, Biber, gegrillte Maronen und Live-Musik. In Bern findet der Markt unter freiem Himmel statt, und in Genf entlang der Uferpromenade mit einer Projektion auf den Jet de Haut. Im Tessin, dem italienischen Teil der Schweiz, wird Weihnachten anders gefeiert: Die Nacht vom 24. Dezember – La Vigilia – ist von besonderer Bedeutung. An diesem Abend versammeln sich die Familien um einen Tisch, an dem es Fisch statt Fleisch gibt. Und am 6. Januar (Epifania) bringt Befana, die gute Hexe, die Süßigkeiten in die Socken der Menschen steckt, die Geschenke.
In den Kantonen Uri, Schwyz und Glarus wird am 5. Dezember der Nikolaustag gefeiert. Kinder stellen ihre Stiefel vor die Tür und finden am Morgen Nüsse, Äpfel und Schokoladenfiguren darin. In manchen Dörfern erscheint Schwarzer Peter, der Gehilfe des Nikolaus, und erschreckt unartige Kinder.
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Der Herbst in der Schweiz ist eine Zeit der Ernte, der Stille und der Dankbarkeit. Wenn sich die Blätter golden färben und die Luft kühl und klar ist, feiert das Land einige der schönsten Feste des Jahres. Es sind keine lauten Feste, sondern tiefgründige, bedeutungsvolle Feiern des Lebens. Das wichtigste Herbstritual ist die Alpabfahrt. Im September und Oktober werden die Kühe von den Almen in die Täler getrieben. Sie werden mit großen Glocken, Heukränzen und Blumen geschmückt. In Appenzell, Bern und im Wallis finden regelrechte Umzüge mit Musik, Tanz und Erfrischungen statt.
Im September und Oktober finden auch Weinfeste statt. In Lavaux gibt es das Fête des Vignerons (sofern es stattfindet), in Neuenburg die Vendanges und in der Weinregion Zürich die Zürcher Weinmesse. Hier kann man junge Weine verkosten, direkt beim Winzer eine Flasche kaufen und an der Weinlese teilnehmen.
Im Oktober feiert die Schweiz in Bern das Zibelemärit (Zwiebelfest). Seit dem 15. Jahrhundert kommen jedes Jahr in der vierten Novemberwoche (obwohl die Atmosphäre schon herbstlich ist) Tausende von Menschen auf den Markt, wo geflochtene Zwiebelzöpfe, Zwiebelkuchen und sogar Zwiebelwein verkauft werden. Es ist ein Tag voller Humor, denn durch die Straßen ziehen Karnevalsumzüge mit Clowns und Hofnarren.
In Graubünden findet im Herbst das Chalandamarz (Fest der Toten) statt, allerdings in umgekehrter Reihenfolge – es ist ein „Abschied vom Sommer“. Kinder läuten Glöckchen, singen Lieder und bitten Erwachsene um Süßigkeiten. Dieser Brauch soll eine reiche Ernte im nächsten Jahr sichern.
Der Sommer in der Schweiz ist die goldene Ära der Festivals. Wenn die Sonne bis 21:00 Uhr scheint und die Temperaturen selten über 28 °C steigen, verwandelt sich das Land in eine riesige Open-Air-Bühne. Hier finden in jeder Region, in jedem Dorf und sogar an jedem Strand eigene Feste statt. Das musikalische Highlight ist das Montreux Jazz Festival (Juli). Gegründet 1967, hat es sich längst über den Jazz hinaus entwickelt und präsentiert Künstler wie Björk, The Cure, Lana Del Rey und Sting. Die Konzerte finden im Auditorium Stravinski mit Blick auf den Genfersee statt, und die Straßen von Montreux sind mit Kunstinstallationen und Skulpturen von Musikern geschmückt. Im Juni wird Zürich mit dem Züri Fäscht Festival, das alle drei Jahre stattfindet (das nächste 2027), zur Hauptstadt der Street Art. Jedes Jahr im Juni findet hier außerdem die Street Parade statt – die größte Techno-Parade Europas. Mehr als eine Million Menschen tanzen zu den Klängen von 20 schwimmenden Lautsprechern auf der Limmat. Auch die Winzer lassen nicht lange auf sich warten. Im Juli findet in Nyon das Weinfest (Fête de la Vigne) statt, bei dem man jungen Wein verkosten, die Trauben von Hand pressen und an der Wahl der „Königin der Weinberge“ teilnehmen kann. In Sitten lockt das Chamoson-Festival mit Wein, Käse und Honig. Im August feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag (1. August). 1291 schlossen drei Kantone ein Bündnis, das den Grundstein für die Eidgenossenschaft legte. Heute lockt jede Stadt mit Feuerwerk, Lagerfeuern auf den Hügeln, Konzerten und Leckereien wie Himbeerkuchen, Appenzeller Wurst und der Schweizer Flagge aus Marzipan. Theaterliebhaber kommen bei den Shakespeare-Festspielen in Baden (Kanton Aargau) auf ihre Kosten.
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Der Frühling in der Schweiz ist mehr als nur die Schneeschmelze; er ist ein feierliches Erwachen von Natur und Kultur. Nach langen Monaten der Stille erwachen Städte und Dörfer zum Leben: Musik erklingt, Blumen blühen, und Menschen in farbenfroher Kleidung bevölkern wieder die Straßen. Die Frühlingsfeste sind hier ein Symbol für Erneuerung und Hoffnung. Eines der berührendsten Frühlingsfeste ist die Alpabfahrt, obwohl sie eher mit dem Herbst in Verbindung gebracht wird. Einige Kantone, insbesondere Appenzell und das Oberland, veranstalten jedoch auch im Frühling einen Alpenaufstieg, den Alpaufzug. Im April und Mai werden Kühe mit Blumen und Glöckchen geschmückt und unter dem Klang von Alphörnern und Trommeln auf die Sommerweiden getrieben. Im März findet in Basel die Morgestraich statt, der Auftakt zur berühmten Fasnacht. Dies ist der einzige Karneval der Welt, der pünktlich um 4:00 Uhr morgens beginnt, wenn alle Straßenlaternen ausgehen und Tausende maskierte und mit Laternen behängte Teilnehmer die Straßen füllen. Musik, satirische Plakate und Kostüme persiflieren Politik und Gesellschaft.
Im April begrüßt Genf den Frühling mit einem Blumenfest. Der Grange Park verwandelt sich in ein Meer aus Tulpen, Narzissen und Kirschblüten. Gärtner aus ganz Europa reisen an, und die Cafés bieten Kuchen mit Lavendel- und Rosenfüllung an.
Im Mai feiert die Schweiz den Tag der Arbeit (1. Mai), besonders lebhaft ist er in Zürich und Lausanne mit Straßenkonzerten, Kunsthandwerksmärkten und vegetarischen Festen. Sogar Banken und Museen öffnen an diesem Tag ihre Türen kostenlos.
Der Frühling markiert auch den Beginn der Weinsaison. Im April findet im Kanton Waadt das Fête des Vignerons statt – ein großes Fest, das alle 20–25 Jahre gefeiert wird (zuletzt 2019). Jedes Jahr gibt es in den Dörfern des Lavaux kleinere Verkostungen der neuen Ernte und Vorführungen zum Rebschnitt.
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